Normen & Werte – DGSS-Jahrestagung 2013 in Regensburg

Das große Familientreffen der Sprecherzieher: Am letzten Wochenende war es wieder so weit. Die Tagung in Regensburg stand diesmal unter dem Motto Normen & Werte in der Sprechwissenschaft. In meinen Augen ein recht brisantes Thema: Wird es ganz kleinteilig um Aussprachenormen gehen? Ist mit salbungsvollen Sonntagsreden über die Ethik des Faches zu rechnen? Solche Befürchtungen gehen mir vor der Tagung durch den Kopf. Glücklicherweise haben sie sich in Regensburg nicht bewahrheitet. Im Gegenteil!

In diesem Jahr wurde eine ungeheure Menge an Vorträgen und Workshops angeboten. Insgesamt sicherlich über 50, von denen ich ein Dutzend besucht habe. Auch wenn man – wie ich – bei den Themen wählerisch ist, gibt es so in jedem Tagungsblock spannende Veranstaltungen. Insgesamt ist das natürlich Viel zu viel, um hier auf alles  einzugehen. In den nächsten Wochen werde ich mich mit ein oder zwei Themen noch etwas näher beschäftigen. Jetzt gibt es erst einmal einen Überblick über meine persönlichen Veranstaltungs-Highligts:

  • Vorträge und Workshops sind gemischt, so dass es immer wieder aktivierende Abwechslung gibt.
  • Ausgesprochen viele Teilnehmer. Dadurch ist die Atmosphäre noch lebendiger als beim letzten Mal. Mit dabei sind auch viele Studierende, die diesmal kostenlos teilnehmen konnten. Meiner Meinung nach eine sehr gute Idee.
  • Reibungslose und nette Organisation. (Insgesamt habe ich einen streikenden Beamer erlebt. Für so eine große Tagung ein gute Quote.)
  • Regensburg als Stadt ist auch sehr charmant. Lohnt mit Sicherheit auch ohne Tagung eine Reise. Ob Regensburg die Stadt mit der größten Eisdielen-Dichte ist?
  • Der Gesellschaftsabend am Samstag ist eine runde Sache. Leckeres Essen. Großartige Unterhaltung bei der Lesung von Klaus Pawlowski, der sehr schlaue und sehr lustige Texte mit im Gepäck hat. Und: Fast alle Teilnehmer sind dabei. Auch die Studierenden, die sonst gerne ein eigenes Programm haben. Ich finde es prima, dass so jeder mit jedem gut in Kontakt kommen kann.
  • Bei den Vortragsthemen finde ich besonders spannend, dass auch empirische Forschungen vorgestellt werden. Empirie ist ja leider – abgesehen von Forschung zur Stimme – in der Sprechwissenschaft eher selten. Schade, dass Jan Appel und Christian Pescher, die beiden Gewinner des DGSS-Förderpreises, ihre Untersuchung nur kurz bei der Eröffnungsveranstaltung vorstellen.
  • Besonderes Highlight: Das Sprechwege-Team ist endlich wieder vereint. Denn Alex Roggenkamp reist ganz lässig aus Athen an.

Von den praktischen Seminartipps abgesehen, ist für mich das Thema Ethik & Rhetorik besonders interessant. Da schlägt wahrscheinlich das Philosophie-Studium durch… Deshalb soll es demnächst noch einen kurzen Bericht zum Workshop von Franziska Trischler und zum Vortrag von Stefan Dobiasch geben. Bei beiden geht es um Ethik und spannenderweise nähern sich beide dem Thema – auch – mit Hilfe von critical incidents…

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Tipps & Tools 2013 in Hamburg

SIMG_20130901_090547chon ein paar Wochen her ist unser Besuch bei den Tipps & Tools am 1. September in Hamburg. Aber gerade sitze ich im Zug auf dem Weg zur nächsten Tagung nach Regensburg, und der Augenblick ist ideal für eine Rückschau.
Die Tipps & Tools sind ein Methodentag, der sich mit ganz praxisorientierten Workshops an (Kommunikations-)Trainer richtet. Für uns also eine willkommene Abwechslung zu den wissenschaftlichen Fachtagungen. Tatsächlich sind wir schon zum zweiten Mal in Folge mit dabei gewesen. Die wunderbare Atmosphäre im ‚Gastwerk‚ kannten wir also schon. Das Tagungshotel befindet sich – nomen est omen – in einem alten Gaswerk. Das ist natürlich modernisiert, aber zum Glück sind noch ganz viele Industrie-‚Reste‘ übriggeblieben. Da schlägt unser Ruhrpott-Herz höher!

An einem Tag finden zwölf Workshops statt, von denen man vier auswählen kann. Zwischendurch gibt es dann reichlich Zeit für Kaffee, Kuchen, Mittagshäppchen und anregende Gespräche. Meine Workshopwahl :

  1. “Baustelle Identität” – die erfolgreiche Marketingstrategie für Trainer mit Benjamin Schulz
  2. Wenn die Champagnerperlen im Champagner perlen… mit Axel Rachow
  3. Visualisierung to go mit Johannes Sauer

Und hier zu jedem Workshop die wichtigsten Eindrücke. Ganz subjektiv und unvollständig natürlich. So vielfältig wie die Workshops sind, könnten wir sonst leicht zu jedem einen Extra-Artikel schreiben.

Bei Benjamin Schulz steht – wie angekündigt – die eigene Berufsidentität im Fokus. Und zwar ganz kompromisslos. Denn aus der Identität entwickelt sich dann das Angebot, der Außenauftritt, das Marketing und eigentlich alles andere. Für mich ein spannender und auch sehr stimmiger Ansatz. Bei Sprechwege überlegen wir auch immer wieder: Wer sind wir eigentlich und wie kriegen unsere Kunden das mit. Im Anschluss hat uns der Workshop-Leiter dann noch seine beiden Bücher zum Thema geschenkt. Natürlich auch eine Marketing-Maßnahme, aber eine nette. Ich freue mich schon auf die Lektüre für den Herbst.
Stolperstein für mich ist, von welcher Vorstellung unseres Berufs Ben Schulz ausgeht. Zu Beginn des Workshops geht es darum, dass wir als Trainer natürlich unbedingt offensives Marketing brauchen, um im Kampf um Kunden die Oberhand zu behalten, nicht zurückzufallen und genug Aufträge an Land zu ziehen. (Etwas zugespitzt formuliert.) Glücklicherweise sind wir mit Sprechwege in einem Umfeld, wo die Aufträge einfach ganz harmonisch zu uns kommen. Das freue ich mich, dass mein Beruf nichts mit dem Kampf ums größte Kuchenstück zu tun hat…

Axel Rachow packt in seinem Workshop allerhand spannende Methodenbausteine aus. Durch originellen Materialeinsatz sollen Seminarteilnehmer neue Impulse bekommen. Wie kann das aussehen? Wenn es eine Gruppenarbeit gibt, in der vier verschiedene Fragen beantwortet werden sollen, würden die meisten Trainer wohl Stifte und Flipchart-Blätter verteilen. Axel Rachow hingegen verteilt Antwort-Quader: Umzugskartons werden auf den Seiten mit den Fragen beschriftet und bieten auch gleich Platz für die Teilnehmer-Antworten. Das ist nur eins von mindestens einem Dutzend Material- und Methodenbeispielen. Das positive daran: Die ungewöhnlichen Ideen bieten positive Überraschungseffekte und vermitteln besondere Wertschätzung für die Seminarteilnehmer. Der Haken: Wer wie ich mit dem Zug anreist, hat bei den meisten Methodentipps ziemliche Schwierigkeiten mit dem Materialtransport.

IMG_20130901_165107Zum Abschluss scheint mir die Aussicht, verlockend, mit Zettel und Stift selbst aktiv zu werden. Deshalb versäume ich leider den Workshop unserer Kollegin Andrea Stasche zum Thema Stimme und bekomme stattdessen bei Johannes Sauer einen großen Zeichenblock in die Hand gedrückt. Es geht um Zeichnen an der Flipchart: Menschen, Symbole, Gegenstände, usw. Besonders großartig: Der Workshop ist so angelegt, dass ich fast die ganze Zeit selbst am kritzeln und (mit-)zeichnen bin. Und wir sehen: Mit ein paar ziemlich einfachen Tricks und Kniffen lassen sich sehr schnell sehr ansehnliche Ergebnisse produzieren. Für mich ganz perfekt: Nachdem ich in den letzten Jahren nach und nach die Scheu vorm Zeichnen über Bord geworfen habe, gibt es jetzt genau passend die Hilfestellung zur Zeichentechnik. Und ich freue mich schon während des Workshops auf die nächste Flipchart-Gestaltung!

Worauf wir jetzt noch neugierig sind: Ob Amelie Funke und Axel Rachow wohl unser Workshop-Vorschlag für die Tipps & Tools 2014 gefällt. Falls wir im nächsten Jahr mit Improvisationstheater im Rhetoriktraining dabei sind,  gibt es auf jeden Fall wieder einen Bericht.
Habt ihr noch Fragen zu den Tipps & Tools und den Workshops? Dann schreibt uns einfach einen Kommentar.

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„
Lächeln – Morgen wird noch schlimmer!“ – bmk-Tagung Juni 2013

Zu fünft sitzen wir im Wagen auf dem Weg von Münster nach Bochum. Wir sind unterwegs zur bmk-Fortbildung mit dem schönen Titel

„
Lächeln – Morgen wird noch schlimmer!“
Ein Tag über das Lachen und Lachen machen

In der Ankündigung heißt es: Was heiter daherkommen soll ist oft schwer und macht viel Arbeit“… Noch ist aber alles ganz leicht. In unserem Kombi herrscht Ausflugsstimmung. Aber welche Autobahnabfahrt führt uns zum Veranstaltungsort? Fahrer und Beifahrer klären  die Frage und improvisieren ungewollt den ersten Slapstick-Dialog des Tages. Nach kurzer Suche kommen wir aber doch an der Ruhr-Uni an. Dort hat die Gastgeberin Annette Mönnich bereits alles vorbereitet. Eingeschlossen eine narrensichere Beschilderung, die uns durch das unübersichtliche Uni-Hochhaus zum Veranstaltungsraum führt.

Referent ist Mattias Menne aus Münster. Radiomoderator, Kabarettist und Sprecherzieher.

Als wir unser Seminar starten, meldet sich bei mir gleich ein klassisches Vorurteil: „Lustig sein, das kann man doch nicht lernen!“ Und natürlich die Perfektionismus-Ansprüche: „Oh, bloß keinen Witz machen, den niemand lustig findet!“ Aber Matthias Menne startet mit Schwung und Tempo. Schon sind wir mitten dabei, uns mit Wortspielen, Kalauern und absurden Sätzen zu beschäftigen. Da bleibt zum Glück nicht zu viel Zeit um skeptisch zu sein.

Tatsächlich basteln wir fleißig Gags zusammen. Die meisten leider ziemliche Rohrkrepierer, aber oft ist auch ein Volltreffer dabei. Das ist auch ganz im Sinn der Übung. Matthias Menne schätze die Erfolgsquote von professionellen Gagschreibern auf vielleicht 1 zu 10. Nur bekommt man bei denen die misslungenen Versuche eben nicht zu sehen. Aber: Ohne Ausschuss keine gelungenen Exemplare. Das hilft schon mal, meinen Perfektionismus-Anspruch zurückzuschrauben.

Witze und komische Situationen zu produzieren ist ganz schön anstrengend. Das muss die harte Arbeit sein, von der in der Ankündigung die Rede ist. Nach der Mittagspause geht es dann ganz systematisch weiter. Wir bauen Witze mit Hilfe eines fünfschrittigen Schemas zusammen. Dabei machen wir uns die Mehrdeutigkeit von Wörtern zu nutze, um gezielt die Erwartungen des Hörers zu enttäuschen. Dadurch entsteht – oft – ein komischer Effekt. Unser Beispiel:

„Heute war ich schon 5 Kilometer laufen.“ – Wer denkt jetzt nicht an Fitness und Gesundheit?
„Der Ladendetektiv hat erst nach viereinhalb Kilometern aufgegeben.“ –
Und das ist sie, die Mehrdeutigkeit und Enttäuschung der Erwartungen…

Zum Schluss geht es dann an kleine Spielszenen oder Sketche. Für jede Szene suchen wir eine Person, die in einer ungewöhnlichen Situation einen Konflikt erlebt. So gerät zum Beispiel der schüchterne Pfarrer in ein Flirt-Seminar und muss dort eine Übung vormachen. Hier sind wir ziemlich nah dran am Impro-Theater. Nach dieser Vorgabe dürfen andere Teilnehmer dann eine kleine Szene entwickeln. Hier laufen alle noch einmal zu Hochform auf. Sprecherzieher sind eben Bühnenmenschen.

Mein Fazit:

Es ist spannend zu sehen, dass sich Humor und Witz tatsächlich planmäßig erzeugen lassen. Das klappt zwar nicht immer, aber oft genug.
Außerdem merke ich, dass ich im Seminar dauernd zwischen Impro-Theater und Seminarthema hin und her denken muss. Bei Matthias versuchen wir absichtlich witzig zu sein. Im Impro gilt das als Garantie dafür, dass die Szene bestimmt nicht witzig wird. Aus der Impro-Haltung hätte ich mir an ein paar Stellen gewünscht, schneller und ohne Vorüberlegungen zum Machen und Ausprobieren zu kommen. Ich vermute aber stark, dass sich Impro und die Strukturierungshilfen von Matthias auch gut verbinden lassen. Für mich eine schöne Inspiration für die nächsten Impro-Übungen im Seminar.

 

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His master’s voice: Von Stimme und Sprache

Im Dortmunder U läuft zur Zeit die Ausstellung His master’s voice: Von Stimme und Sprache. Nachdem die Kollegin Jutta Seifert in der DGSS-Mailingliste darauf aufmerksam gemacht hat, war meine Neugier geweckt. Zu Christi Himmelfahrt hat es dann geklappt: Statt einen Ausflug mit dem Bollerwagen zu machen, sind wir zur Ausstellung nach Dortmund gefahren.

Als Sprechwissenschaftler denke ich beim Thema Stimme an Dinge wie Stimmstörungen, kindlicher Spracherwerb, Gesangsunterricht, Stimmfeldmessungen, usw. Also eher an technische Aspekte. Die Ausstellung in Dortmund ist allerdings ganz anders ausgerichtet. Der Schwerpunkt liegt ganz eindeutig auf der künstlerischen Auseinandersetzung mit Stimme (und mit Sprache). Auf den ersten Blick fällt die Vielzahl an Videos auf. An allen Ecken hängen Kopfhörer, um Video- und Audiomaterial anzuhören. Spontan macht sich bei mir Skepsis breit: Bei Kunstausstellungen mache ich sonst immer einen großen Bogen um alles, was mit Video zu tun hat, um der Langeweile zu entgehen. In Dortmund kann aber von Langeweile keine Rede sein. Die Ausstellung trägt allerhand spannendes Material zusammen:

  • Videos von Bauchrednern zeigen den kunstvollen Umgang mit der Stimme und spielen auf das Thema Identität an: Ein Mensch spricht mit zwei Stimmen als zwei ‚Personen‘. Monolog oder Dialog?
  • Ein Kleinkind brabbelt ins Mikrofon und begeistert eine evangelikale Kirchengemeinde, die in den Lauten Zungenrede erkennt: Faszinierend und beängstigend zugleich.
  • Ein Schaukasten greift die Frage auf, ob Pippi Langstrumpfs Vater jetzt ‚Negerkönig‘ oder ‚Südseekönig‘ heißen soll. Wir verbringen 20 Minuten diskutierend vor dem Exponat.
  • Ein Demo-Tape von Michael Jackson ist zu hören. Bevor er für das Lied auf seine antrainierte Stimme wechselt, ist er für einen Satz ganz anders zu hören: mit resonanzreicher Männerstimme in mittlerer Tonlage.

Das ist nur ein kleiner Teil der Ausstellung. Insgesamt haben wir gut drei Stunden dort verbracht. An ein paar Stellen hätte ich mir als großer Freund von technischen und naturkundlichen Ausstellungen etwas mehr gewünscht. So gibt es z.B. eine kurze Information über Wolfgang von Kempelens Sprechmaschine. Konstruiert im 18. Jahrhundert und mir bis dahin völlig unbekannt. Leider gab es aber nichts zum anhören oder ausprobieren. (Wer neugierig ist, kann aber bei Youtube oder beim Institut für Medienarchäologie lauschen.)

Insgesamt war ‚His master’s voice‘ eine sehr lohnende Sache. Auch das Dortmunder U als Ausstellungsort ist sehenswert. Wenn ihr hinfahrt, solltet ihr auf jeden Fall das Café besuchen. Aus dem obersten Stockwerk hat man einen wundervollen Blick über die Stadt. Der Kaffee ist prima und die freundliche Bedienung hat uns das letzte Stück Rhabarberkuchen geschenkt. („Das ist ja viel zu klein. Das kann ich Ihnen gar nicht verkaufen.“)

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